"Korczak al pons inter nationes“ - J. Korczak news - Korczak al pons inter nationes



Janusz Korczak als „pons inter nationes
Wege zu:
Verstehen, Verständigung und Versöhnung
Festakt: Erich Dauzenroth

Vortrag: 24. November 2006
„Collegium Polonicum“
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)


Vater vieler Kinder“ und „pons inter nationes“ (Józef Bogusz) / Brücke zwischen den Völkern: mit diesen beiden Ehrentiteln charakterisierte Erich Dauzenroth immer wieder die spezifische Humanität Janusz Korczaks.

Wenn wir im Anschluss an diesen Festakt wesentliche Teile des Korczak-Archivs von Professor Dauzenroth in der Bibliothek des „Collegium Polonicum“ in der Europa-Universität Viadrina auf uns einwirken lassen dürfen, werden wir voll Bewunderung und Dankbarkeit feststellen, in welch außer-gewöhnlichem Maße auch Erich Dauzenroth selbst als Brückenbauer im „brennenden Dreieck zwischen Polen, Deutschen und Juden“ (H. Wermus) tätig war. Inspiriert wurde er zu dieser Versöhnungsarbeit nicht zuletzt durch Janusz Korczak.

Erich Dauzenroth schreibt in einem Aufsatz: „Eine Begegnung mit Korczak mobilisiert die Kräfte des Herzens, sie befördert Haltungen, in denen belächelte Tugenden wie Verstehen und Verständnis, Verzeihen und Barmherzigkeit, Güte und Liebe aufblühen.“[1]

Im Folgenden möchte ich mit Ihnen über die Voraussetzungen und Grundlagen dieser, Korczak und Dauzenroth verbindenden, Versöhnungsarbeit nachdenken, also etwas zu den Kräften des Verstehens und der Verständigung sagen. Im Speziellen geht es:


1. um das „schöpferische Ich-weiß-nicht“ bei Korczak,
2. um den „Anderen“, den Menschen neben mir als einen „
Hieroglyphen-Text“,
3. um Spuren der Vergangenheit und Funken der Sehnsucht im Angesicht des Anderen, 4. um Wege zur Versöhnung.





1. „Schöpferisches Ich-weiß-nicht“

Bedacht werden soll das „schöpferische Ich-weiß-nicht“ (Korczak) als eine Struktur, die (im Sinne einer strukturellen Phänomenologie) einen „apriorischen Charakter in dem Sinne hat, insofern sie bestimmte Erfahrungen ermöglicht“[2].

Die Struktur „schöpferisches Nicht-Wissen“, vereinfachend könnte man auch von einer Haltung sprechen, begegnet uns bei Korczak zeitlebens. Lassen Sie mich, stellvertretend für viele ähnliche Passagen, aus einem seiner Hauptwerke, „Wie liebt man ein Kind“ zitieren: „Das schöpferische ‚Ich weiß nicht’ (...) ist wunderbar, voller Lebendigkeit, voller hinreißender Überraschungen – und ich möchte lehren, es zu verstehen und zu lieben.“ [3]

„Schöpferisches Nicht-Wissen“ deckt sich nicht mit Neugier, auch nicht mit Skepsis oder Zweifel. „Schöpferisches Nicht-Wissen“ setzt frei für „Erfahrungen mit einem ungewissem Ausgang“, „statt Erfahrungen von vornherein in den Rahmen vorausgesetzter Ordnungsvorstellungen einzupassen“ [4].

Korczaks „schöpferisches Ich-weiß-nicht“ ermöglicht ein „Ethos der Sinne“ (Bernhard Waldenfels). Dieses „Nicht-Wissen“ verzichtet auf die „ideologische Brille“ (Ideologie heißt ja, worauf E. Levinas immer wieder hinweist: Logik des Ego, systematischer Egoismus – sowohl des Einzelnen als auch des Kollektivs). Dies „Nicht-Wissen“ verzichtet auf vorprogrammiertes Hören, auf einen durch Vorurteile imprägnierten Schutzanzug.

„Schöpferisch“ und „Nicht-Wissen“ bezeichnen zwei aufeinander bezogene Haltungen.

Das „Nicht-Wissen“ steht für offene Sinne, steht für den jeweils neuen, noch nie da gewesenen Augen-Blick, für das bislang Ungehörte, Unerhörte, für das Zulassen der Berührung bis hin zur Verletzbarkeit. Wer sich so öffnet, nimmt nicht nur subjektiv wahr, sondern er ist, ob er will oder nicht, Zeuge und Mitbeteiligter, er hat keine andere Wahl. Er kann nicht mehr ethisch indifferent sein und bleiben.

„Schöpferisch“ steht für die Möglichkeit und Notwendigkeit der Variation der Wahrnehmung oder Erfahrung, den jeweils neuen Blick, den Blick-Wechsel, den „Perspektiven-Wechsel“, den Verzicht auf den fertigen „Eindruck“, auf das „Bild“, das man sich vom „Anderen“, ganz gleich ob „das Andere“ oder „die“ und „der Andere“, gemacht hat. (Das jüdische „Du sollst dir kein Bild von IHM machen“ gilt, zumindest für Korczak auch für jeden Anderen, insbesondere das jeweilige Kind.)

„Schöpferisches Nicht-Wissen“ heißt also in unserem Kontext, sich nicht dem so genannten „Selbstverständlichen“ auszuliefern, die Automatismen des Alltags zu unterbrechen, heißt: immer wieder neu anzufangen. Jeder Tag ist „Schöpfungstag“. Das ist eine Gnade. „Schöpferisches Nicht-Wissen“ ermöglicht auf diese Weise ein anderes, ein ethisches Sehen, ein anderes Hören, ein anderes Takt-Gefühl, eine Ethik, die vom Anderen ausgeht, die mit dem Anderen rechnet.





2. Der Andere / die Andere als „Hieroglyphen-Text“

Wer zu diesem, nennen wir es ruhig „ethischen Sehen“, zu diesem „Augen-Blick“ , dem offenen Blick ins Auge des Anderen bereit ist, wird wie Korczak im Gesicht des Anderen, sei es das Kind, der Partner, der Nachbar oder auch ein Fremder einen „Hieroglyphen-Text“ entdecken, den es zu lesen, zu entziffern gilt. „Hieroglyphen-Text“, Korczak verwendet diesen Begriff von „Wie liebt man ein Kind“ (1914/18) an bis ins „Ghetto-Tagebuch“ (1942) hinein, steht für etwas „Fremdes“, „Rätselhaftes“ und „Heiliges“.

Auch hier handelt es sich, wie beim „schöpferischen Nicht-Wissen“ nicht um eine marginale Metapher, wie mir gelegentlich vorgehalten wird, sondern um entscheidende „Schlüsselkategorien“ bei Korczak. Auch Erich Dauzenroth hat dies immer wieder betont.

Verständigungs- und Versöhnungsarbeit im Geiste Janusz Korczaks und Erich Dauzenroths setzen diesen durch „schöpferisches Nicht-Wissen“ freien und unvoreingenommenen Blick auf den „Hieroglyphen-Text“ voraus. Für Korczak und Dauzenroth sind „schöpferisches Nicht-Wissen“ und das „Hieroglyphen-Lesen“ wesentliche Kraftquellen. Nicht im Abgleichen von reformpädagogischen Positionen, nicht in Vergleichen mit Kategorien Kants und auch nicht in der Nachahmung konstitutioneller pädagogischer Ansätze finden wir den Janusz Korczak, der unsere „Kräfte des Herzens mobilisiert“.

Lassen Sie mich bitte auch hier aus Korczaks Werk zitieren. In „Schule des Lebens“ (1908) lesen wir über die Begegnung des jungen Kinderarztes Korczak mit seinem Patienten: „Dies Fremde da, das sich bewegt, ist ein Buch, das in der einzigen Sprache geschrieben ist, die er (von der Universität kommend, M.K.) nicht versteht – der Sprache des Lebens. Aus fünf ihm bekannten Ausdrücken muss er eine ganze Seite entziffern: das würde er vielleicht noch schaffen, denn er hat ja Mathematik gelernt – also kann er Rätsel lösen. Aber von den zehn Ausdrücken, die er versteht – widersprechen drei einander.“ [5] In einem Brief aus dem Jahre 1938 an Józef Arnon beschreibt Korczak beglückende „Hieroglyphen-Zeilen“: „ Der Juli war bezaubernd. Zwanzig neue Kinder zu entziffern, wie zwanzig Bücher, geschrieben in einer halbbekannten Sprache, im übrigen beschädigt, mit fehlenden Seiten. Ein Bilder-, ein Kreuzworträtsel. – Wieder, wie vor Jahren, wichtig: ein Paar verbummelte Latschen, ein Schiefer im Fuß, ein Streit um eine Schaukel, ein abgebrochener Ast.“ [6]

Der offene Blick auf diese „Hieroglyphen“ ist der offene Blick in das Gesicht des Anderen, in sein „Angesicht“. Nicht der Blick „von oben“ und auch nicht „von der Seite“, sondern „von Angesicht zu Angesicht“. Die „philologische Achtsamkeit“ vor der „Hieroglyphe“ setzt das „schöpferische Ich-weiß-nicht“ voraus, sie nötigt zum Verzicht auf jedwede „ideologische“ Lesart. Sie ist letztlich auch nur in einer (um im Bild zu bleiben) Interpretationsgemeinschaft mit dem Anderen möglich.





3. Spuren der Vergangenheit und Funken der Sehnsucht im Angesicht des Anderen

Dass die Wahrnehmung „offen“ sein soll, heißt nun aber nicht, dass sie ohne Voraussetzungen ist. Jede meiner Wahrnehmungen wird nach hinten hin durch meine Vergangenheit und nach vorne hin durch meine Sehnsüchte oder Utopien beeinflusst. Auch davon spricht Korczak immer wieder. Den Anderen neben mir verstehen zu wollen, bedeutet, sich dieser Konstitution bewusst zu sein. Das Gesicht des Anderen als „Hieroglyphe“ lesen, heißt dann also auch, dort die Erinnerungen und Sehnsüchte zu lesen. Korczak liest als solche „Spuren“: „Es gibt Kinder, die nicht das Alter ihrer zehn durchlebten Jahre haben. Sie tragen das Gewicht vieler Generationen; in ihren Gehirnwindungen hat sich die Qual vieler leidvoller Jahrhunderte angehäuft. (...) Nicht das Kind ist es, das hier weint, es weinen Jahrhunderte, Schmerz und Sehnsucht wehklagen.“ [7]

Korczak hat seine polnischen und jüdischen Mitbürger, einen jeden auf „seine“ Weise wahrgenommen: ganz gleich ob nationaler oder liberaler, orthodoxer oder anarchistischer, proletarischer, bürgerlicher oder adeliger Herkunft. Als früher Europäer hat er bei seinen Aufenthalten in Berlin, Paris und London, um nur einige Orte zu nennen, seine Zeitgenossen nicht in nationalen Klischees, sondern als Individuen bewertet. Auch hat er während seiner beiden Aufenthalte in Eretz Israel Juden und Palästinenser mit ihren individuellen Freunden und Leiden gleichermaßen wahrgenommen. Vom Kibbuz Ejn Harod aus zog es ihn immer wieder auf den dortigen Friedhof, um dort der überdurchschnittlich vielen Suizid-Opfer (aus enttäuschter Sehnsucht) zu gedenken.

Von „Angesicht zu Angesicht“ zeigen sich die Freuden-, aber auch die Leidspuren des Anderen, in bestimmten Augenblicken leuchten auch Sehnsuchtsfunken auf. [8]

Erich Dauzenroth sieht im Gesicht des Kibbuz-Pädagogen Shimon Sachs auch den deutsch-jüdischen Jungen, der sich 1938 auf dem Berliner Anhalter Bahnhof für immer von seiner Familie verabschiedet. Die gesamte Familie wird durch die Nazis ermordet.

Er sieht im Gesicht des jüdisch-polnischen Mathematikers und Psychologen Henry Wermus die physischen und psychischen Traumata, die ihm durch polnische Mitschüler im Warschau der 30er Jahre zugefügt wurden – und die es ihm noch heute trotz aller Hilfestellungen nicht erlauben, polnischen Boden wieder zu betreten. Solche „Augenblicke“ modifizieren unser Verhalten, differenzieren unser Gespräch, lassen nach neuen, anderen Perspektiven suchen.

Die „Entschlüsselung“ des „Hieroglyphen-Textes“, das Lesen der Spuren im Gesicht des Anderen bedarf für Korczak der Mithilfe des Anderen. Der Übergang vom Verstehen zur Verständigung geschieht – wenn ich bei der „Optik“ bleiben darf – durch das Sehen mit den eigenen Augen, aber auch mit den Augen der Anderen, gegebenenfalls auch durch die Brille der Anderen. Gestatten Sie mir hier eine kleine persönliche Geschichte. Auf einem Spaziergang wollte meine fünfjährige Enkelin kürzlich durch meine Brille schauen und bemerkte dann erstaunt: „Da sieht ja alles ganz klein aus. Sehen Große immer so klein und Kleine immer groß?“ Wir steckten mitten in einem regen Dialog…

Eine solche andere, nützliche Brille, ich trage hier im Karl-Dedecius-Archiv „Eulen nach Athen“, ist selbstverständlich – und dies war ein Herzensanliegen Erich Dauzenroths – die Begegnung mit der Kunst der „Anderen“, in unserem speziellen Falle mit der Kunst Polens, der klassischen und der gegenwärtigen.





4. Wege zur Versöhnung

Unsere „phänomenologische Reihung“: „Schöpferisches Nicht-Wissen“ – „offenes“ Hinsehen – das Lesen des Antlitzes als eines „Hieroglyphen Textes“ – das Zulassen von Erinnerung und Sehnsucht verzichtet, ich denke, das ist deutlich geworden, nicht nur auf den eigensinnigen, ideologischen „Eindruck“, sondern sie verzichtet auch auf „selbstverständliche“ Reaktionen. Bei dieser Art von Verstehen und Verständigung stelle ich nicht fest, sondern „stelle mich in Frage“ und lasse mich in Anspruch nehmen. Meine Antwort auf diese „Provokation“ führt (pro-vocatio. im Sinne einer „responsiven Ethik“) hin zur Verständigung und Versöhnung.

In ihren „Denk-Tagebüchern“ notiert Hannah Arendt zu unseren Begriffen „Erkennen / Verstehen / Versöhnen“: „Erkennen und Versöhnen machen nichts rückgängig, sondern führen die begonnene Handlung weiter, aber in eine Richtung, die nicht in ihr lag. Die Größe dieser Verhaltensweisen liegt darin, dass sie den Automatismus des Nicht-rückgängig-zu-Machenden unterbrechen. Sie sind die eigentliche spontane Re-aktion. Darin liegt ihre Produktivität. Diese Handlungsweisen setzen innerhalb eines bereits begonnenen Handlungsvollzug einen neuen Anfang.“ [9]

Für den Übergang vom Verstehen zur Verständigung und auch zur Versöhnung ist es hilfreich, da muss ich nochmals auf den „schöpferischen“ Teil beim „Nicht-Wissen“ zurückkommen, das Auge und das Ohr zur „Variation“ freizugeben. Lichtenberg notiert einmal, dass gelegentlich das Verkleinerungsglas mehr sieht als das Vergrößerungsglas. Im Wechselspiel von Nähe und Distanz, neben dem Augen-blick sollte es auch den Über-blick und das (bewusste) Über-sehen geben, wie auch das Über-hören. (Auch diese Tugend steht derzeit in der polnisch-deutschen Verständigung nicht hoch in Kurs.).

In einer undatierten Notiz Erich Dauzenroths „Wie ich zu Korczak fand“ (diese Notiz könnte auch heißen: „Was ich mit Korczak fand“) wird exakt unsere Reihung nachgezeichnet: Offene Fragen über Janusz Korczak haben Erich Dauzenroth in den 70er Jahren nach Polen gezogen, dort hat er mit offenen Sinnen viel Beglückendes (Menschen, Landschaft, Literatur...), aber auch viel Bedrückendes und Bedrängendes erfahren. Er hat in die Gesichter geschaut und Freunde entdeckt, er hat von Deutschen zugefügtes Leid gesehen und um Verständnis geworben. Er hat die Hand ausgestreckt.

Dies alles nicht nur im Geiste Korczaks, sondern auch mit mit vielen materiellen und geistigen Hilfsgütern im Gepäck. Korczak bewährte sich als „pons inter nationes“ (Józef Bogusz).



Janusz Korczak ist diesem aus „
schöpferischem Nicht-Wissen“ erwachsenen Verstehen, der offenen Begegnung mit dem Anderen, dem Bemühen um Verständigung und Versöhnung bis in die letzten Lebensstunden treu geblieben. Die letzte Eintragung im „Ghetto-Tagebuch“ reflektiert beim Blick aus dem Fenster einen bewaffneten deutschen Soldaten:


„Ich gieße die Blumen.

Meine Glatze im Fenster – ein gutes Ziel?
Er hat einen Karabiner. – Warum steht er da und sieht ruhig her?
Er hat keinen Befehl.
Und vielleicht war er als Zivilist Dorfschullehrer, vielleicht Notar, Straßenfeger in Leipzig, Kellner in Köln?
Was würde er tun, wenn ich ihm zunicke? – Freundschaftlich mit der Hand grüßen?
Vielleicht weiß er gar nicht, dass es so ist, wie es ist?
Er kann erst gestern von weither gekommen sein...“
[10]


Wer seinem Feind so begegnet – Korczak wusste, was ihm und seinen Kindern bevorstand – sollte auch uns ermutigen, sich offen auf den Anderen, den Nachbarn einzulassen, die Hand nicht nur zum Gruß zu öffnen, sondern sie auszustrecken – in Richtung Polen und Israel – sollte uns ermutigen, die Hand des Anderen zu ergreifen und gemeinsam weitere Projekte der Versöhnung zu beginnen und fortzusetzen.
Hannah Arendt spricht von einem „Verstehen..., durch das ich mich ständig mit der gemeinsamen Welt versöhne“.
[11]

Eben dies meint auch Korczak, wenn er 1910 exemplarisch – daher gilt es auch für uns – zum Verhältnis der Polen und Juden zueinander schreibt:

„Wir sind Brüder eines Landes. Uns verbinden Jahrhunderte gemeinsamen Glücks und Unglücks – ein langer gemeinsamer Weg – eine gemeinsame Sonne scheint auf uns, derselbe Hagel zerstört unsere Getreidefelder, dieselbe Erde birgt die Gebeine unserer Vorfahren – es gab mehr Tränen als Lachen, doch das ist weder unsere noch eure Schuld. Arbeiten wir also zusammen. Wir sind arm, unterstützen wir einander, wir sind traurig, trotzen wir miteinander. (...) Wir werden eure Wunden heilen, ihr die unseren – und da wir Fehler haben, wollen wir uns gemeinsam bemühen, sie zu überwinden. (...) Entfachen wir das gemeinsame Feuer, öffnen wir in seinem Licht unsere Herzen; das Böse werfen wir in die Flammen, das Gute – das Erhaltenswerte – das Ehrenhafte – in die gemeinsame Schatztruhe.“ [12] Ich erlaube mir zu aktualisieren: in die gemeinsame europäische Schatztruhe!

Das letzte Wort möge Erich Dauzenroth haben. Es ist wie ein Echo auf den soeben gehörten Text von Janusz Korczak.

In einer Ansprachen vor jüdischen Holocaust-Überlebenden in Gießen schloss Erich Dauzenroth mit den Worten: „Lassen Sie mich aus den Schatten fliehen und Hoffnung verkünden – Hoffnung, weil mir so viele Menschen begegnet sind, die in kleinen Welten, still und unerkannt und ungeehrt, ein Stück Land beackern, das Blumen hervorbringt, nicht nur das Brot der Erde, Blumen vom bittersüßen Duft des Jasmin. Dieser Ackerbau meint Verständigung, Verständnis, Verstehen – Versöhnung, von der oft und eilig die Rede ist, findet auf dem Narrenschiff statt – irgendwann...“ [13]

Schenken wir einander, einer dem Anderen diese Blumen des Verstehens, des Verständnisses und der Verständigung – Blumen vom bittersüßen Duft des Jasmin!


Dr. Michael Kirchner
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[1] Dauzenroth, Erich: Die Straße, das Haus und die Erben. In: Heilpädagogik. Wien 2/1992, S. 58.

[2] Waldenfels, Bernhard: Gespräch mit Bernhard Waldenfels. In: Fischer, M., Gondek, H.-D., Liebsch, B. (Hrg.): Vernunft im Zeichen des Fremden. Zur Philosophie Bernhard Waldenfels. Frankfurt a. M. 2002, S. 422.

[3] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 4. Gütersloh 1999, S. 10.

[4] Rühle, Volker: Befremdetes Antworten und beantwortbare Fremdheit. In: Vernunft im Zeichen des Fremden. A.a.O., S. 174.

[5] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 7. Gütersloh 2002, S. 432.

[6] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 15. Gütersloh 2005, S. 82.

[7] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 4. Gütersloh 1999, S. 209.

[8] Leonhard Jost, einem Freund Erich Dauzenroths in der Schweiz, verdanke ich den schönen Hinweis, dass „Antlitz“ als alternativer Begriff für „Angesicht“ im Gotischen „das Entgegenblickende “ (‚anda-wlit-ja’) lautete.

[9] Arendt, Hannah: Denk-Tagebuch. München 2002, S. 312.

[10] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 15.Gütersloh 2005, S. 377.

[11] Arendt, Hannah: a.a.O., S. 316.

[12] Korczak, Janusz: Sämtliche Werke. Bd. 7. Gütersloh 2002, S. 273.

[13] Dauzenroth, Erich : Dankrede. In: Kirchner, M. (Hrg,): Erich Dauzenroth. Janusz Korczak. Erfahrungen und Begegnungen. Bielefeld 2006, S. 158.